Winkelzüge


Watch while the queen
In one false move
Turns herself into a pawn

Suzanne Vega: Knight Moves







Each game of chess means there’s one less variation left to be played.
Each day got through means one or two less mistakes remain to be made.

Chess - Das Musical

Es ist sicher eine auf den ersten Blick erstaunliche Idee, ein Musical rund um das Spiel Schach aufzubauen. Gibt es etwas weniger medien- und bühnengerechtes als zwei Menschen, die sich an einem Tisch gegenübersitzen, regungslos nachdenken und nach endlos langen Minuten einen Bauern um ein Feld nach vorne rücken?

Doch die Aura des königlichen Spiels hat schon immer die Menschen fasziniert, und erstaunlicherweise sind es oft gerade Laien auf die Schach seine ganz eigene Magie ausübt, vielleicht die Faszination großer, einem selbst unerreichbarer Gedankenleistung. Und dieses Flair garniert mit Versatzstücken von Love & Crime, Rivalität, Eifersucht, einer unglücklichen Liebesgeschichte, politischen Ränkespielen vor dem Hintergrund der kalten Krieges, von einem musicalerfahrenen Erfolgsautoren wie Tim Rice in Worte gesetzt und unterlegt mit der Musik der Abba-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus, macht aus einem scheinbar so medienunwirksamen Ereignis wie einer Schachpartie ein dramatisches Finale in einem mitreißenden Musiktheater.

Der erste Akt der Handlung ist dem Weltmeisterschaftskampf zwischen dem Amerikaner Frederick Trumper, dem egozentrischen und arroganten Titelverteidiger und seinem russischen Herausforderer Anatoly Sergievsky gewidmet. Doch es ist nicht nur eine Auseinandersetzung auf dem Schachbrett. Sergievsky verliebt sich in Florence Vassy, die Assistentin und Geliebte des Amerikaners. Nach diversen Querelen im Verlauf des Matches gewinnt Sergievsky sowohl die Weltmeisterschaftskrone als auch das Herz Florences und setzt sich aus Liebe zu dieser in den Westen ab.

Im zweiten Akt verteidigt der Dissident seinen Titel gegen den neuen russischen Herausforderer, den linientreuen aber schachlich uninspirierten Leonid Viigand. Hinter den Kulissen werden Ränke von Ost und West geschmiedet, in denen die Schachspieler selber nur noch kleine Bauern auf dem Brett der Weltpolitik sind, und von allen Seiten wird Druck ausgeübt, daß der politisch unbequeme Sergievsky seinen Titel wieder abgeben soll. In Bangkok, dem Austragungsort des Titelkampfes kommt es zu einem Stelldichein von Sergievskys Frau Svetlana, die aus Moskau eingeflogen wird, ebenso wie des inzwischen als Fernsehreporter arbeitenden Trumpers, der seit seinem verlorenen Titel keine Partie Schach gespielt hat, aber noch immer Florence zurückgewinnen will.

Doch Sergievsky fügt sich nicht in die von allen erwartete Niederlage. In der finalen Partie des Weltmeisterschaftskampfes zerfertzt er, der allen politischen Ränkespielen zum Trotz nichts anderes sein will als ein Kämpfer auf dem Schachbrett, seinen Herausforderer regelrecht in der Luft. Dennoch sieht der Weltmeister anschließend ein, daß es für ihn nur eine Zukunft bei seiner Frau und Familie geben kann und er reist wieder in die Sowjetunion zurück und verläßt seine Geliebte Florence. Beide scheiden in der Gewißheit, daß ihre Liebe wie eine Schachpartie war, die schlußendlich im Patt enden mußte.





Die Entscheidungspartie zwischen Sergievsky und Viigand,
bei der Weiß in einer brillianten 9-zügigen Schlußkombination
Dame, Turm, Läufer und Springer opfert um anschließend matt zu setzen.


1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 0-0
6.Lg5 c6 7.Ld3 a6 8.Sge2 Sbd7 9.Dd2 e5 10.d5 cxd5
11.Sxd5 Sc5 12.0-0-0 b5 13.cxb5 axb5 14.Kb1 Tb8 15.Sb4 Tb7
16.Tc1 Se6 17.Lh6 Sd7 18.h4 Sdc5 19.Sc3 Ld7 20.Le2 Da5
21.Sbd5 b4 22.Se7+ Kh8 23.Lxg7+ Kxg7 24.Scd5 Lb5 25.h5 Ta7
(siehe Diagramm)
26.Dh6+ Kxh6 27.hxg6+ Kg5 28.Th5+ Kxh5 29.f4+ Lxe2 30.Sf6+ Kh6
31.Th1+ Kg7 32.Se8+ Txe8 33.Txh7+ Kf6 34.Txf7#




Spasski - Fischer
Reykjavik 1972

Natürlich ist Robert James, genannt "Bobby", Fischer das Vorbild des Charakters des Frederick Trumpers. Außerhalb des Schachbretts ein großspuriger, arroganter Egozentriker und ungehobelter Klotz, war und bleibt er doch das größte Genie, das der Schachsport je hervorgebracht hat.

Schon in jungen Jahren begann Fischers kometenhafter Aufstieg in den Schacholymp. Mit 15 wurde er bereits zum internationalen Großmeister ernannt und das vor der heutigen inflationären Titel- und Wertungszahlflut, die diesen Rekord erstmals durch Judit Polgar und seither in immer schnelleren Abständen von nachrangigen Nachwuchsstars pulverisieren läßt. Wenn irgendjemand in der Lage war, den Aufstieg des Amerikaners zu bremsen, war es stets nur sein eigenes Ego und die seine Schachkarriere begleitenden Querelen und großspurigen Forderungen des Jungstars, bald aber schon nicht mehr die Gegner am Schachbrett.

Was Fischers Spiel auszeichnete war ein enormer Ehrgeiz und eine nie zuvor dagewesene fast schon fanatische Kampfbereitschaft, mit der er selbst Weltklassespieler regelrecht vernichtete. Auf dem Weg zum Weltmeistertitel schlug er in den Kandidatenfinals Taimanov und Larsen jeweils mit 6:0 (ohne einem einzigen Remis), ein Ergebnis, das unter Weltklassespielern nie zuvor dagewesen war und auch ganz gewiß nie wieder da sein wird.

Der Weltmeisterschaftskampf selbst in der isländischen Hauptstadt Reykjavik ist inzwischen legendär. Er stilisierte Fischer nicht nur zum Bezwinger des Weltmeisters, nein, einer ganzen hinter ihm stehenden, seit Dutzenden von Jahren unangreifbar den Schachthron beherrschenden Supermacht der Sowjetunion hoch. Doch in Wahrheit war Fischer niemals ein amerikanischer oder westlicher Vorkämpfer. Er blieb immer nur eines: ein vom Schach und Erfolg besessener Einzelkämpfer und Egoist und ein Genie dicht am Grad zum Wahnsinn.

Die erste Partie des Weltmeisterschaftskampfes verlor Fischer, zur zweiten trat er gar nicht erst an. Das Match stand dicht vor dem Abbruch. Mit 0:2 im Rückstand gegen den Weltmeister, den er nie zuvor hatte bezwingen können, war das nicht auch für Fischer eine zu hohe Hürde? Natürlich nicht. Als das Match fortgesetzt wurde, fand er endlich zu seinem Spiel und überrannte Boris Spasski, der so chancenlos blieb, wie all seine Gegner zuvor.

Nach dem Gewinn des Weltmeistertitels spielte Fischer lange Zeit keine Turnierpartie mehr. Seine extremen Forderungen zu den Spielbedingungen ebenso wie zu den Honoraren und seine mangelnde Kompromißbereitschaft verhinderten, daß sein schachliches Genie noch ein weiteres Mal im angemessenen Licht erstrahlte. Als er 1975 zum nächsten Weltmeisterschaftsfinale gegen den jungen Herausforderer Anatoli Karpov nicht antrat, wurde ihm der Titel aberkannt.

Von diesem Zeitpunkt an blieb Fischer von der Bildfläche verschwunden. Gerüchte rankten sich um seine Person und immer wieder füllte sein angebliches Auftauchen aus der Versenkung die Spalten von Zeitungen wie das Ungeheuer von Loch Ness. Doch 1992 sollte es tatsächlich zu einem weiteren öffentlichen Auftritt Fischers kommen. 20 Jahre nach dem einstigen Weltmeisterschaftskampf spielte er eine Revanche gegen den alten Kontrahenten Boris Spasski. Dieser, inzwischen selbst nach Frankreich emigriert und dort ohne größere schachlichen Ambitionen eher dem Savoir Vivre frönend, hatte Fischers nach wie vor ungebrochenem Ehrgeiz natürlich so wenig entgegenzusetzen wie einst auf dem Höhepunkt seiner schachlichen Fähigkeiten und wurde klar geschlagen. Dennoch waren sich Schachexperten einig, daß Fischers Spiel nicht mehr die einstige Klasse besaß, und der Amerikaner seinem Mythos keinen großen Gefallen getan hat durch den Zweikampf "zweier alter Herren".

Doch den Schlußpunkt unter Fischers glanzvolle Karriere sollte die Politik seines Heimatlandes setzen. Fischers Re-Match gegen Boris Spasski im "Restjugoslawien" nach dem Balkankonflikt verletzte die Embargobestimmungen der US-Finanzbehörden und die Vereinigten Staaten, nie bereit hinzunehmen, daß sich ein Land oder auch nur ein einzelner ihrer Bürger ihrem Großmachtsstreben widersetzt, erließ Haftbefehl gegen den ehemaligen Schachweltmeister, der nichts anderes getan hatte als das, was seine Anhänger sich so lange von ihm gewünscht hatten: endlich wieder Schach zu spielen. Seither ist Bobby Fischer erneut untergetaucht und bleibt, was er immer schon war: Gegenstand von Legenden und Mythen. Ein unwürdiges Ende des hellsten und strahlendsten Sterns, der je am Schachhimmel leuchtete.





Karpov - Kortschnoi
Baguio 1978 und Meran 1981

Viktor Kortschnoi kann vermutlich mit Fug und Recht als neben Paul Keres stärkster Spieler der Welt bezeichnet werden, der es nie zu Weltmeisterehren brachte. Und wie bei diesem zeichnete dafür nicht zuletzt die schachliche Weltmacht der UdSSR verantwortlich, die stets bedacht war, nicht nur einen der Ihren an die Spitze des Weltschachs zu hieven (nach dem zweiten Weltkrieg bis zum Zerfall der Sowjetunion gab es mit der einzigen Ausnahme Fischers ohnehin niemanden, der den Sowjet-Großmeistern ernsthaft hätte Paroli bieten können), sondern den "politisch würdigsten", sprich linientreusten Repräsentanten.

Dem Esten Keres wurde einst der Russe Botwinnik vorgezogen. Der unbequeme Kämpfer Kortschnoi hatte schon innerhalb des Sowjetschachs einen schweren Stand gegen die zahllosen angepaßteren Konkurrenten, nach seiner Flucht in den Westen 1976 kam es zu den legendären Auseinandersetzungen des Dissidenten Kortschnoi gegen den sowjetischen Schachapparat mit dem linientreuen Karpov an der Spitze die in den zwei Weltmeisterschaftskämpfen 1978 auf den Philipinen und 1981 in Südtirol ihren schachlichen aber vor allem auch außerschachlichen Höhepunkt hatten, und die ganz zweifellos den historischen Hintergrund für das Musical "Chess" bilden.

Von verweigerten Handschlägen der Kontrahenten war die Rede, von spiegelnden Sonnenbrillen, mit denen der Gegner in seiner Konzentration gestört werden sollte, von Fußtritten unter dem Tisch gar. Kortschnoi provozierte die russische Delegation mit einem Anstecker der polnischen Freiheitsbewegung "Solidarnosc" und legte Protest gegen einen Joghurt ein, der Karpov während des Spiels gereicht wurde. Schließlich könnte die Farbe des Joghurts ja ein versteckter Code sein. Ein angeblicher Hypnotiseur saß in der ersten Reihe und fixierte Kortschnoi das ganze Match über, bis dieser ihn durch einen neben ihm sitzenden Guru "neutralisierte". Kurzum, das Schach geriet bei den Zweikämpfen zwischen Karpov und Kortschnoi zur Nebensache.

Im Nachhinein muß man sagen, daß Kortschnoi sich in den Kleinkriegen aufrieb, während Karpov nach außen stes höflicher Gentleman blieb und sich nicht von dem fanatischen Haß seines Gegners anstecken ließ, der sich gegen die Person seines Widersachers Karpov ja nur als Vertreter eines Staatsapparates manifestierte, der Kortschnois Leben und Schachkarriere einst geknebelt hatte und noch immer seiner Frau die Ausreise verweigerte. Der Weltmeister spielte kühl sein Spiel, solide und farblos, wie ihm oft vorgeworfen wurde, doch ungeheuer erfolgreich, minimalste positionelle Vorteile zum Sieg umzumünzen und damit nicht zuletzt auch, einen leidenschaftlich und teilweise verzweifelt fightenden Gegner aufzureiben und zu zermürben.

Kortschnoi war ein Kämpfer, stets aggressiv alle Verflachung vermeidend, suchte er die Auseinandersetzung in jeder Partie, scheute nie eine kritische Variante, nicht einmal in der bei ihm üblichen horrenden Zeitnot. Dieser Stil war sicherlich auch unter anderen Bedingungen dazu angetan, die Kräfte des Herausforderers zu erschöpfen, doch all die Nebenkriegsschauplätze taten ein übriges, den deutlich älteren und schachlich bereits jenseits seines Zenits befindlichen Kortschnoi aufzuzehren. Während er 1978 in einem dramatischen Finale noch haarscharf unterlag, hatte er bei der Revance 3 Jahre später nicht mehr den Hauch einer Chance.

Doch Kortschnoi blieb, was er immer gewesen war: ein unbezämbarerer Kämpfer, was ihm auch den Spitznamen Viktor "der Schreckliche" eingebracht hat. Während so viele Exweltmeister im Alter eine stark abfallende Leistungskurve aufweisen und nur noch zu gepflegten Salonremisen neigen, zeigt er bis heute in Turnieren seine Klauen, schlägt die aufstrebenden Jungmeister scharenweise und fügt seiner Turnierbilanz nach wie vor einen Sieg nach dem anderen hinzu. Vielleicht ist es zu manchen Zeitpunkten in Kortschnois Leben unökonomisch und unopportun gewesen, gegen alles und jeden zu kämpfen wie ein schachlicher Don Quichotte. Doch er blieb seinem Charakter stets treu und wird genau dadurch der Schachwelt auch ohne Weltmeistertitel in gebührender Erinnerung bleiben.







Der Rösselsprung

Eine ganz andere Art von Winkelzügen ist der sogenannte Rösselsprung, der nicht nur schon manchem Schachspieler durch die "Springergabel" schlaflose Nächte bereitet hat, sondern auch die Mathematiker beschäftigt hat: kann die Schachfigur des Springers jedes Feld eines Schachbretts bei einer Folge von 64 Zügen genau ein einziges Mal betreten?

Gelöst wurde dieses Problem schon im 9. Jahrhundert in arabischen Manuskripten. Der bekannte Mathematiker Leonard Euler war der erste, der 1759 eine umfassende Analyse des Problems ablieferte. Von ihm stammen auch die oben abgebildeten graphischen Lösungen, sogenannte "geschlossene" Zyklen, d.h. jeder beliebige Punkt des Schachbretts kann als Anfangs- und Endpunkt dienen.

Wie in so vielen Bereichen ermöglichen die Computer heute zwar keine tiefsinnigeren Analysen als in der Vergangenheit, aber sie können ein Problem einfach "durchrechnen". Doch die Zahl aller vermutlich in die Billionen gehenden möglichen Springerrundläufe ist noch immer nicht eindeutig bestimmt. Wer aber Interesse hat, das Rösselsprung-Problem mit Hilfe der sogenannten "Warnsdorff-Regel" selbst zu lösen, kann dies auf dieser interessanten Webseite online versuchen.

Und ganz am Ende dieser Seite über Alfred Tennyson und Timbuctoo finden sich eine Handvoll weiterer witziger Schachvariationen in Applet-Form, mit oder ohne Winkelzüge.



zurück