Die großen Meister

Schachmeister in Realität und Fiktion




Carl Schlechter, Wiener Schachmeister, 1874 - 1918


Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unenteschieden

Carl Schlechter ist eine der rätselhaftesten Gestalten der Schachgeschichte: still, schüchtern, bescheiden und am Schachbrett scheinbar mit keinerlei Ehrgeiz ausgestattet sondern wann immer möglich einen friedlichen Partieausgang in Form eines Unentschiedens anstrebend. Mit einer einzigen Ausnahme: der tragischen Partie seiner Schachkarriere, als er in einem Weltmeisterschaftskampf gegen den großen Lasker vor der letzten Partie führte, den Weltmeisterschaftstitel greifbar sicher in der Hand, hatte Lasker doch in 9 Partien zuvor es nicht vermocht, die Verteidigungsfestung Schlechters zu knacken. Doch in dieser einen, entscheidenden Partie spielte Schlechter auf einmal wie in seiner ganzen Schachkarriere nicht: er attackierte den Weltmeister mit allen Mitteln, erspielte sich eine deutlich überlegene Stellung, doch statt mit solidem Druckspiel das zumindest sichere Remis einzufahren, brach er alle Brücken hinter sich ab, opferte eine Qualität, verschmähte später sogar noch ein ewiges Schach und ging am Ende unter und verlor Partie und Weltmeistertitel.

Wer war dieser Carl Schlechter, über den so wenig in der Öffentlichkeit bekannt wurde, keine privaten Beziehungen, keine öffentlichen Auftritte oder Teilnahme am Geistesleben wie etwa des universell gebildeten Laskers? Und was waren seine Motive in dieser ominösen 10. Partie, so kurz vor dem strahlensten Triumph seiner Karriere, nach der man ihn in einem Atemzug mit Lasker, Aljechin, Capablanca hätte nennen müssen, und nach der er in Wahrheit doch in der Versenkung verschwand und Jahre später einsam im wahrsten Sinne des Wortes verhungerte?

Zwar nennt Thomas Glavinic den Helden seines Romans "Carl Haffner" und gibt damit zu verstehen, daß es ihm nicht um eine lebensgetreue Biographie Schlechters geht, doch der Roman bewegt sich weitgehend auf historisch authentischem Boden. "Der fairste Zug, der je gespielt wurde" (eine Aufgabe in schlechterer Stellung als der Gegner nicht zur Wiederaufnahme der abgebrochenen Partie erscheint) stammt zwar von Vidmar nicht von Schlechter, doch hätte er zweifelsfrei auch dem Charakter des Wieners entstammen können. Schlechters Sekundant "Hummel" hieß eigentlich Marco und die Figur der Journalistin Anna Feiertanz wurde frei erfunden, wohl um in einem Schachroman eines Schachspielers (Glavinic selbst versteht offensichtlich etwas von der Materie und gibt sich bei den Partiebeschreibungen keine Blöße) auch der Sicht eines Laien auf das rätselhafte Spiel mit 32 Holzfiguren eine Stimme zu geben.

Haffner wird charakterisiert als ein Mensch, dessen Bescheidenheit und Ehrgefühl ihm die Annahme jeglicher Hilfe und Unterstützung untersagen. Er lebt in bitterster Armut, doch selbst bei den Banketten eines Weltmeisterschaftskampf kann er sich nicht frei machen von der fixen Idee, er dürfe anderen doch nichts wegessen. Auch auf dem Schachbrett verspürt er keinerlei Bedürfnis seinem Gegner etwas wegzunehmen. Es geht ihm darum, selbst zu bestehen, und wenn sein Gegner ihn nicht schlagen kann, fällt eine Last von seinen Schultern und er gibt freiherzig die Partie Remis. Als junger Spieler verschenkt er einen Turniersieg, weil er aus Mitleid ein Remisangebot seines alten Gegners annimmt und diesem damit den letzten Platz erspart. Der Stolz, mit dem dieser Gegner daraufhin in einem Schachcafé jedem von seinem Triumph gegen den jungen Schlechter erzählt, bedeutet ihm weit mehr als jeder Siegerpokal. In seinem Leben gibt es nur zwei Menschen: seine Mutter, der er versucht so wenig wie möglich zur Last zu fallen und seine Stiefschwester, für die er in all seiner eigenen bitteren Armut stets rührend sorgt.

Haffner hegt keinerlei Ambitionen auf den Weltmeisterschaftsthron. Ja, er erscheint ihm stets wie ein viel zu unbezwingbarer Berg, Lasker als unerreichbarer Spieler. Seine Herausforderung haben seine Wiener Meisterkollegen ausgesprochen, die endlich einen aus ihrer Schachschule an die Spitze hieven wollen. Haffner selbst will nur nicht allzu deutlich untergehen in dem scheinbar ungleichen Kampf. Doch dann geht er durch einen Fehler von Lasker in der 5. Partie in Führung, alle anderen Duelle enden Remis, und mit einem Mal ist der Weltmeistertitel greifbar. Um so mehr spürt Haffner vor der entscheidenden Partie die mögliche Last, die auf ihn zuzukommen scheint. Kann er diese Bürde überhaupt tragen? Wäre er ein würdiger Weltmeister nach Laskers groben Fehler in der einzig entschiedenen Partie des Wettkampfs? Soll er in der erreichten überlegenen Stellung in der 10. Partie solide auf ein sicheres Remis spielen wie stets zuvor oder soll er die Möglichkeit nutzen mit einem Opfer vielleicht eine Glanzpartie zu schaffen, eine Partie, die ihn wirklich zu einem würdigen Weltmeister macht? So oder ähnlich müssen auch Schlechtes Gedanken gewesen sein, als er sich in der 10. Weltmeisterschaftspartie zu ungewohnten Hasardspiel hinreißen ließ. Hat er seine Entscheidung im Nachhinein bereut? Oder ging es ihm wie Glavinics Haffner, der nach der verlorenen Partie von einer Bürde erlöst ist. Nur eines tut ihm wirklich in der Seele weh: das jetzt Lasker die goldene Uhr gewinnt, die er doch so gerne seiner Stiefschwester geschenkt hätte...

Viele Rezensenten gerade aus der Schachspielerszene stoßen sich an der Selbstlosigkeit, am Ehrgefühl und bescheidenen Wesen der Hauptfigur und sie geißeln den Roman als "unrealistisch". Doch sie verkennen vollkommen, daß Schach zu Zeiten eines Schlechters, eines Laskers oder auch eines Charouseks etwas gewesen ist, was es heute fast vollkommen verloren hat: ein Spiel von Gentlemen. In einer Zeit, in der ein Sieg mit allen Mitteln alles zählt, in der noch derjenige gefeiert wird, der sich dabei Tricks und Bluffs bedient, ja selbst unlauterer Mittel, sofern er sich dabei nicht erwischen läßt, mag die Haltung eines Carl Haffners (und wohl auch die eines realen Carl Schlechters) unglaubwürdig, anachronistisch, ja sogar belächelnswert wirken, doch vielleicht sollte genau das uns heute zu denken geben. Und vielleicht ist genau dieser anachronistische Blick das, was den Roman lesenswert macht: er öffnet ein Fenster auf ein Schach (und ein Leben), wie es war, wie es sein könnte, wie es sein sollte.




Die ominöse 10. Partie des Weltmeisterschaftskampfs
zwischen Lasker (Weiß) und Schlechter (Schwarz).
Statt nach 35. ... Td8 ! klar besser zu stehen,
ließ sich Schlechter zu 35. ... Txf4 ? hinreißen.
Die ganze Partie inclusive der Kommentare
aus Thomas Glavinics Roman findet man hier.







Rudolf Charousek, 1873 - 1900


Gustav Meyrink: Der Golem

Wenn es einen Spieler mit einer vollkommen konträren Spielanlage zum Verteidigungskünstler Schlechter gibt, so ist daß der beinahe zur gleichen Zeit geborene Rudolf Charousek. Er war ein Angriffspieler par excellence, das Königsgambit seine Lieblingswaffe. Sein kurzer Auftritt in der internationalen Schacharena war wie ein Paukenschlag: mit originellen Ideen und faszinierenden Kombinationen beeindruckte er seine Gegner und selbst Weltmeister Lasker sah in ihm seinen zukünftigen Herausforderer. Doch mit gerade mal 26 Jahren starb Charousek an einer Lungentuberkolose, die ihm schon die letzten zwei Jahre seines viel zu kurzen Lebens die Kraft zu größeren Leistungen geraubt hatte. So glich sein Leben dem eines strahlend hellen, doch viel zu schnell verglühenden Kometen.

Gustav Meyrink setzt in seinem Roman "Der Golem" dem Schachmeister Charousek ein literarisches Denkmal. Doch er schreibt keinen Schachroman, er schreibt auch keine Biographie über Charouseks Leben sondern er baut den realen Charousek als Figur in seinem Roman ein, als eines der drei Spiegelbilder der Hauptperson Pernath auf der Suche nach dem Golem und seiner eigenen Vergangenheit. Er verleiht seinem Medizinstudenten Innozenz Charousek die unheilbare Schwindsucht des Schachmeisters, eine Rastlosigkeit und feurigen Eifer, die sich auch in dessen Schachstil zeigte, planvolles, schach-strategisches Vorgehen und vor allem... seine Liebe für das Königsläufergambit (siehe unten).

Doch Charousek ist nur eine Figur in Gustav Meyrinks Roman "Der Golem", der vieles zugleich ist: ein Schauerroman in der Tradition E.T.A. Hoffmanns oder Edgar Allen Poes und ein Schlüsselroman des deutschen Expressionismus, er vermischt einen Kriminalfall mit tiefenpsychologischen Deutungen ebenso wie mit kabbalistischen und theosophischen Einflüßen, altägyptischen Mythen und der jüdischen Sage um den Golem in der beklemmenden Athmosphäre des alten Prager Ghettos in den letzten Zügen vor der anstehenden Sanierung.

Schon zu Beginn zerfällt der Roman in mehrere Ebenen, als der Erzähler in einen ungewöhnlichen Schlaf fällt, in dem er die Identität des Gemmenschneiders Athanasius Pernath annimmt, der 1885 im Prager Ghetto lebt. Dort lernt er den Studenten Charousek kennen und dessen Rachefeldzug gegen den undurchsichtigen Trödler Aaron Wassertrum, aber auch den hilfreichen Archivar Hillel und seine wunderschöne Tochter Mirijam. Und dann ist da noch der mysteriöse Besucher, der Pernath den Auftrag gibt, ein ganz besonderes Buch auszubessern, und in dem er Züge des Golems zu erkennen vermeint, jener jüdischen Sagengestalt, die alle dreiunddreißig Jahre im Ghetto umgehen soll. Und bei all dem versucht Pernath gleichzeitig seine Erinnerung wiederzufinden und sucht im verwinkelten Ghetto nach einem Zimmer ohne Zugang, in dem sich angeblich der Golem verbirgt.

Ein Roman, der die Balance hält zwischen Traum und Realität, der Deutungen zuläßt, denen er sich sogleich wieder entzieht, in der intensiven Atmosphäre einer längst vergessenen Welt. Ein Roman, dem es gelingt die verschiedenen Personen und Handlungsstränge wie auch die mythischen und religiösen Hintergründe zu einem dichten und manchmal undurchdringlichen Teppich zu verweben, der dennoch leuchtet durch seine Farbkraft.


Ein kurzer Ausschnitt aus Meyrinks Golem, in dem Charousek eingeführt wird:

Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dünnen, fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen, und ich hörte, wie ihm vor Kälte die Zähne aufeinanderschlugen.
Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte ich mir, und ich forderte ihn auf, mit hinüber in meine Wohnung zu kommen.
Er aber lehnte ab.
»Ich danke Ihnen, Meister Pernath,« murmelte er fröstelnd, »leider habe ich nicht mehr so viel Zeit übrig.«
...
»Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. – Diesmal wird es ein Königsläufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen Zug bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche Entgegnung wüßte.
Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einläßt, der hängt in der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden, – an Fäden, die ich zupfe, – hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit dessen freiem Willen ist's dahin.«
...
Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was ich damals erlebt, da sah ich, daß ein heftiger Hustenanfall sich seiner bemächtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen hinaustappte und mir einen flüchtigen Gruß zunickte.

Der gesamte Roman findet sich u.a. bei Projekt Gutenberg.




Eine kleine Kostprobe, wie Charousek das Königsläufergambit zu spielen pflegte:

Charousek - Wollner, Königsläufergambit
1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 Le7 4. d4 Sf6 5. e5 Se4
6. Ld5 Lh4+ 7. Kf1 Sf2 8. Dh5 0-0 9. Sf3 g6 10. Dh6 Sxh1
11. Sxh4 c6 12. Lxf4 cxd5 13. Sf5 gxf5 14. Lg5 f6 15. Lxf6 Txf6
16. exf6 Df8 17. Dg5+ Kh8 18. Sc3 Dg8 19. Te1 Dxg5 20. Te8+ Dg8
21. f7 (siehe obiges Diagramm) 1-0

Nachdem Weiß fast all seine Figuren geopfert hat, bleibt Schwarz
auch nach 21... Df8 22. Txf8 Kg7 im Endspiel mit einer Minusfigur übrig.




Und eine weitere Partie derselben Kontrahenten,
in der Charousek 2 Damen (!) opfert um Matt zu setzen:


Charousek - Wollner, Nordisches Gambit
1. e4 e5 2. d4 exd4 3. c3 dxc3 4. Lc4 Sf6 5. Sf3 Lc5
6. Sxc3 d6 7. 0-0 0-0 8. Sg5 h6 9. Sxf7 Txf7 10. e5 Sg4
11. e6 Dh4 12. exf7+ Kf8 13. Lf4 Sxf2 14. De2 Sg4 15. Kh1 Ld7
16. Tae1 Sc6 (siehe obiges Diagramm)
17. De8+ Txe8 18. fxe8=D+ Lxe8 19. Lxd6#






Tim Krabbé

Tim Krabbé war zwar niemals ein Großmeister des Schachs, doch zu seiner aktiven Zeit gehörte er immerhin zu den besten Spielern der Niederlande, schlug etwa bei den Landesmeisterschaften 1967 den niederländischen Vorkämpfer Jan Hein Donner und nahm mehrmals in der B-Gruppe des berühmten Turniers von Wijk aan Zee teil.

1971 beendete er seine Turnieraktivitäten und verlegte sich auf seine zweite große Leidenschaft: die Literatur. Heute zählt er zu den renommiertesten zeitgenössischen Schriftstellern der Niederlande. In Deutschland, wo er bislang zu Unrecht nur ein Geheimtip ist, sind von ihm die folgenden Romane erhältlich:

Daneben hat er sich auch der Sammlung von Schach-Kuriositäten verschrieben, ob in Buchform oder auf seiner populären Homepage Tim Krabbé's Chess Curiosities.


Sie hatte es wahr gemacht -
eine unverzeihliche Tat, die sie von Anfang an vorgehabt hatte.
Es gab keine andere Wahl.
Es gab nicht die Frage, ob sie die richtige Wahl getroffen hatte,
gerade die falsche Wahl war die richtige,
weil sie viel mehr Mut erforderte.
Sie konnte stolz auf sich sein.
Sie hatte einen Zug in einem Spiel gesetzt,
dessen Folgen sie noch nicht absehen konnte,
aber eins war ihr deutlich:
Es war der entscheidende.

Tim Krabbé: Verspätung



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