Spiel magisches Schach!



Eine kleine (nicht ganz ernst gemeinte) Polemik

1. e4!

Und Weiß gewinnt. Gut, ganz so einfach ist die Sache nicht immer. Aber der Königsbauerzug ist schlicht die aktivste und aggressivste Eröffnung. Laß Deine Mannschaftskollegen in schwerblütigem Damenbauernspielen oder Englischen Eröffnungen schmoren, während Du in 20 Zügen den Gegner mit einem scharfen Königsangriff zerfetzt - und selbst wenn die brilliante Opferkombination ein Loch hatte: während die anderen sich ins Endspiel tauschen, kannst Du mit dem restlichen Tag wenigstens noch etwas anfangen. Außerdem wurden schon zahllose Partien durch 1.e4 gewonnen. Und wenn es auch nur daran liegt, daß der Gegner nicht erschienen ist...

Black is ok!

Spiel auch mit Schwarz auf Sieg! Spiel Königsindisch! Spiel die sizilianische Drachenvariante! Spiel Französisch! Spiel Pirc! Setze das Brett in Flammen! Caro-Kann und Russisch sind etwas für Memmen. Geb Dich nicht mit Symmetrie zufrieden. Du weißt es doch besser als Dein Gegner. Also zeig es ihm auch schon vom ersten Zug an! Wenn Du mit Schwarz nicht an den Sieg glaubst, warum verschwendest Du Deine Zeit dann überhaupt mit der Partie? Um nach fünf Stunden Spieldauer eine so ausgeglichene Stellung auf dem Brett zu haben wie zu Beginn?

Tausche keine Figuren!

...und erst recht keine Damen! Zwar wird sich nicht jeder Figurentausch vermeiden lassen, aber spiel dem Gegner nicht auch noch in die Hände. Halte die Stellung so lange geschlossen, bis Deine Figuren optimal postiert sind und reiße sie erst dann auf, wenn Dein Gegner keinen Generaltausch mehr erzwingen kann. Tausche nie Deinen starken Läufer, schon gar nicht gegen einen Springer. Wer schon nach zwanzig Zügen nur noch Leichtfiguren auf dem Brett hat, spielt offensichtlich das falsche Spiel. Wie wäre es für ihn denn mit Halma, wo er sich von vornherein nicht mit der verstörenden Vielfalt verschiedenartiger Figurengattungen herumschlagen muß, derer er sich offensichtlich so schnell wie möglich zu entledigen trachtet?

Bestimme das Geschehen!

Setze den Gegner vom ersten Zug an unter Druck! Erlaube ihm keine Verschnaufpause! Sei der Herr des Geschehens! Sei kreativ! Spiele Züge, die Dein Gegner nicht vorausgesehen hat! Gerade ein schwächerer Gegner verliert nur dann, wenn Du ihm auch ein Problem stellst. Zwinge ihn zu Entscheidungen! Selbst wenn Du die Partie überziehen solltest: Du bleibst immer der moralische Sieger. Wenn Du gewonnen hast, hast Du eine Glanzpartie gespielt. Wenn Du verloren hast, hast Du in toller Stellung einen dusseligen Fehler gemacht. Dein Gegner jedenfalls hat nie etwas zum Partieausgang beigetragen. Da hätte er doch genauso gut zu Hause bleiben können...

Sei Optimist!

... und überschätze Deine Stellung! Das mag zwar nicht gerade förderlich sein, wenn es Dir darum geht, einen Turniersieg mit Remisen abzusichern, aber wenn Du Schachpartien spielen willst, ist es zwingend nötig, daß irgendjemand an irgendeiner Stelle mal die Bereitschaft zeigt, ein Risiko einzugehen, die Remisbreite zu verlassen, egal in welcher Richtung. Wenn Du diesen Rat befolgst, wirst Du nie in Verlegenheit geraten, der nächsten Maxime zuwiderzuhandeln. Du wirst eine Stellung ohnehin erst dann für ausgeglichen halten, wenn sie für Dich bereits unrettbar verloren ist.

Mach nie Remis!

Was soll denn das sein? Ein nicht ausgekämpftes Remis? Warum lotet man die Stellung denn nicht aus? Warum hat man sich denn überhaupt ans Brett gesetzt, wenn man ohnehin nicht Schach spielen wollte, sondern Ergebnisse aushandeln? Hätte man das nicht gleich telefonisch und am grünen Tisch erledigen können? Warum bitte schön ist man an diesem Tag überhaupt aufgestanden?

Spiel nicht gegen miese Gegner!

Wenn Du nicht zu jenen begnadenswerten (oder vielleicht doch eher bedauernswerten) Geschöpfen von der Sorte eines Kasparovs gehörst, der erst dann zur Höchstleistung aufläuft, wenn er seine Gegner haßt, dann spiel nicht gegen miese Gegner. Und wenn Du dazugehörst, dann würde ich Dich genau in jene Kategorie einordnen. Warum soll man seine Zeit verschwenden, gegen unsportliche Spieler zu spielen, gegen Trickser, Schieber oder schlicht arrogante Arschlöcher? Man wird genau weil man sich über ihr Verhalten ärgert, befangen sein, von Gefühlen überwältigt, wo man einen klaren Kopf behalten muß. Und damit wird es noch wahrscheinlicher, daß gerade die Gegner triumphieren, denen man einen Sieg am wenigstens gegönnt hätte. Warum spielt man gegen diese Spieler überhaupt? Tritt gegen sie einfach nicht an, überlaß ihnen den kampflosen Sieg. Laß sie ganz für sich alleine ihr Turnier gewinnen uns spiel lieber mit fairen Gegnern sportliche Partien, bei denen beide Seiten sich über die Schönheit des Schachs freuen können, egal wer gewonnen hat.

Sei selbst ein fairer Gegner!

Jaja, auch wenn's schwerfällt: an der Niederlage war nicht nur das Wetter oder das Kopfweh oder die dauernd um dich herumsummende Fliege schuld. Manchmal hat tatsächlich auch der Gegner etwas dazu beigetragen. Aber wenn Du die vorige Regel beherzigt hast, wird es Dir leicht fallen, Deinem fairen Gegner ein ebensolcher Gegenpart zu sein. Und der beste Weg, ein fairer Sportsmann zu sein, ist noch immer: einfach zu gewinnen. Wie leicht fällt es da doch plötzlich zum großmütigen Gönner zu werden ("Nein, so schlecht hast Du doch gar nicht gespielt!"). Doch wenn Du alle vorherigen Regeln befolgt hast, wirst Du auch nach einer Niederlage auf eine interessante und die mit ihr verbrachte Zeit würdige Partie zurückblicken können. Und plötzlich wird das bloße Ergebnis gar nicht mehr so wichtig. Und außerdem gibt's ja noch die Revanche. Und die eröffne am besten mit... siehe oben!

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