Die Kunst der Bauernführung

Der Bauer ist die Seele des Schachspiels

Das wußte schon Philidor vor gut 200 Jahren. Dennoch spielen die Bauern in vielen Partien eher eine Nebenrolle. In der Eröffnung werden e- und d-Bauer vorgeschoben, um Platz für die Figurenentwicklung zu schaffen, vielleicht folgt noch ein ängstlicher Einzelschritt des a- und h-Bauern. Von da an werden fast nur noch die anderen Figuren bewegt. Erst im Endspiel treten die Bauern dann wieder zurück ins Rampenlicht.

Zu Unrecht! Denn gerade aufgrund ihrer beschränkten Zugfähigkeiten und der Unmöglichkeit, einen Bauernzug wieder rückgängig zu machen, sind es in Wahrheit die Bauern, die einer Stellung ihren Stempel aufdrücken. Schauen wir uns hierzu zwei Stellungen an, die lediglich durch ihre Bauernformationen gekennzeichnet sind:


Diagramm 1


Diagramm 2
In Diagramm 1 ist eine typische offene Stellung entstanden. Die Zentrumsbauern sind abgetauscht. Von besonderer Bedeutung sind in derartigen Stellungen die Türme, mit denen beide Parteien die offenen d- und e-Linien besetzen werden, wo sie möglicherweise mit dem Eindringen auf die 2./7. Reihe des Gegners oder gar dessen Grundreihe drohen. Offene Stellungen drohen leicht mit einem Generalabtausch auf den offenen Linien zu verflachen. Andererseits kann ein Entwicklungsvorsprung oft zu überfallartigem Angriff auf die zurückgebliebene gegnerische Stellung ausgenutzt werden.

Diagramm 2 (eine Bauernstruktur, die etwa aus der Französischen Verteidigung 1.e4 e6 entstehen könnte) zeigt demgegenüber eine geschlossene Stellung. Die Bauern zerschneiden das Brett. Weiß hat großen Raumvorteil auf dem Königsflügel, den er zu einem Königsangriff nutzen wird. Schwarz muß sein Heil im Gegenspiel auf dem von ihm dominierten Damenflügel suchen. In geschlossenen Stellungen werden die Bauern sehr wichtig, denn allein sie sind es, die ohne Opfer Blockaden aufbrechen können. Auch die wendigen Springer fühlen sich in geschlossenen Stellungen wohl. Und es ergibt sich ein oft spielentscheidender Unterschied zwischen "gutem" und "schlechtem" Läufer (so ist insbesondere der schwarze Läufer c8 - der französische Problemläufer - ein Makel im schwarzen Aufbau).

Im Spiel mit den Bauern sollte man sich immer zweierlei in Erinnerung rufen:

1. Ein Bauernzug kann nie mehr rückgängig gemacht werden!
Man sollte also grundsätzlich sparsam mit Bauernzügen umgehen. So wirken weit vorgerückte Bauern oft auf den ersten Blick stark, doch sind sie gleichzeitig eine ständige Angriffsfläche für den Gegner. Und so manche mächtige Bauernstruktur wurde vom Gegner innerhalb weniger Züge in ihre Einzelteile zerlegt. Eine Eröffnung, in der Schwarz seinen Gegner zum Ziehen seiner Bauern regelrecht verlockt, ist die Aljechin-Verteidigung, z.B.: 1.e4 Sf6 2.e5 Sd5 3.c4 Sc6 4.d4 d6 5.f4 (siehe Diagramm 3). Weiß hat eine große Raumüberlegenheit und Angriffschancen im Mittelspiel. Schwarz hat gute strategische Gegenchancen durch Druck auf die Punkte d4 und e5 und dank intakter Bauernstellung die besseren Enspielaussichten.


Diagramm 3


Diagramm 4
2. Nur Bauernzüge können eine Stellung strukturell ändern!
Sehen wir uns etwa Diagramm 4 an, eine typische Königsindische Verteidigung. Allein durch Figurenspiel würde Schwarz dem deutlichen Raumvorteil und freierem Spiel der weißen Figuren nichts entgegenzusetzen haben. Aber er besitzt diesem statischen Vorteil gegenüber den dynamischen Vorteil, der besseren Hebelmöglichkeiten durch Bauernzüge, insbesondere durch f5! Nach exf5 gxf5 besitzt Schwarz ein starkes Bauernduo e5/f5 (zwei nebeneinander stehende Bauern sind immer besonders stark, da sie alle vier Felder vor sich beherrschen). Ohne den Tausch droht Schwarz mit f4 und nachfolgendem g6-g5-g4 unter Bildung des Bauernduos f4/g4 direkt gegenüber der gegnerischen Rochadestellung, was jederzeit in einem für Weiß brandgefährlichen Vorstoß auf f3 oder g3 münden kann. Umgekehrt wird Weiß Gegenspiel am Damenflügel suchen und hier seinerseits mit b4 und c5 einen Hebel am schwarzen Bauernwall anzusetzen bestrebt sein.

Fazit: Wer sich in seinen Partien oft in der eigenen Stellung unwohl fühlt, sollte vor allem einmal den Bauernaufbau einer kritischen Prüfung unterziehen. Denn wenn die Bauernstruktur Schwächen aufweist oder einfach nicht zum Charakter des Spielers paßt, werden es auch die eigenen Figuren schwer haben, ihre volle Kraft zu entfalten.

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